Offener Brief der deutschen Rückwanderer aus Großbritannien

This letter was put together by a group of German speaking people who all have in common that they lived (or still live) in the UK and want to go (or have gone) to Germany to live there because of the changes brought onto them by the referendum in 2016 and the preparations for Brexit. After what they have experienced in the UK, they felt they needed to address some of the issues that they see as important for Germany, especially after the experiences they made in the UK.

[Update: This letter is now also available on a blog set up by the returnees.]


"Moving from the UK to Germany"
Deutsche Rückwanderer aus Großbritannien

Im Oktober 2018

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich nach dem Referendum über den Brexit in Großbritannien auf Facebook zusammengefunden hat. Gemeinsam ist uns, dass wir das Recht der Freizügigkeit in Anspruch genommen haben. Das Recht in Großbritannien zu leben und zu arbeiten. Viele haben britische Partner, Ehepartner, Kinder und erweiterte Familie in Großbritannien.

Nach dem Referendum brechen wir unsere Zelte ab und kehren zurück nach Deutschland. Aus Gründen, die so gut wie immer direkt mit Brexit zu tun haben. Viele sind schon zurück, viele werden noch kommen.

In Großbritannien haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie es aussieht und sich anfühlt, wenn rechtes Gedankengut hoffähig wird. So mancher von uns hat es auch selbst erfahren müssen und ist zur Zielscheibe geworden. Wir waren EU-Bürger, die über Nacht zu „Immigrants“ wurden. Von gleichberechtigt zu Bürgern zweiter oder dritter Klasse. Von „us“ zu „them“. Wir haben gesehen, wie Populismus das Land gespalten hat, wie Schlagworte die Oberhand über Realpolitik gewannen. Wir sehen direkt vor unseren Augen, wie ein Keil durch die Gesellschaft getrieben wurde und wird, der sie bis in die kleinste Zelle spaltet.

Familien, Ehen, Freundschaften, Arbeitskollegen, Nachbarschaften, alle sozialen Verbindungen sind davon betroffen. Zusätzlich der Zwiespalt zwischen den Regionen und Landesteilen.

Wir sehen, wie die beiden großen Parteien öffentlich - und häufig ohne dafür kritisiert zu werden - den rechten Strömungen nach dem Mund reden, nur um ja an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Die Menschen in Großbritannien spielen längst keine Rolle mehr. Dabei geht es angeblich um die Menschen, da alles, was nun folgen wird „der Wille des Volkes“ war. Gerade aus deutscher Sicht wird eben dieses Schlagwort von uns mit allergrößter Skepsis betrachtet.

Viele von uns haben sich seit jeher für das interessiert, was in Deutschland politisch geschieht. Einige haben das Interesse daran wiederentdeckt. Und wir sehen mit großer Sorge, was auch in unserem Land passiert.

Wir haben einen Innenminister, der Migration als die „Mutter aller Probleme“ bezeichnet. Der ein „Heimatministerium“ für nötig erachtet.

Wir hatten einen Verfassungsschutzpräsidenten, der sich sehr rechtslastig in die Tagespolitik einmischt und auch sonst nicht frei von Verwicklungen mit der rechten Szene ist.

Wir haben in vielen Landtagen und im Bundestag eine Partei sitzen, die Artikel 1 des Grundgesetzes offensichtlich überflüssig findet, ebenso wie unsere freiheitlich demokratische Grundordnung. Wir sehen in viel zu vielen Debatten und Diskussionen eine unangebrachte Fokussierung auf Migration, unter Auslassung der tatsächlich existierenden Probleme Deutschlands.

Dies und anderes vermittelt uns den Eindruck, dass auch hier schnell die Migranten als Sündenböcke herhalten dürfen für Missstände, die selbstverständlich auch ohne einen einzigen Migranten existieren würden.

Wie Großbritannien hat auch Deutschland Probleme, die meist sehr hausgemacht sind, wir haben keine „Hilfe“ von Migranten gebraucht, um diese Probleme zu verursachen. Kein Flüchtling hat einem Deutschen etwas weggenommen, aber die Umstürze im Sozialsystem und auf dem Arbeitsmarkt schon. Genau das macht den Menschen Angst und lässt sie in Sorge leben.

Deshalb erwarten wir, dass die Politik in Deutschland sich wieder darauf besinnt, diese Probleme zu lösen. Wir sind überzeugt, dass Deutschland in der Lage ist, in vielem wieder Vorreiter zu werden, wenn die Parteien und die politischen Gremien sich auf die Kernpolitik zurückbesinnen und Politik machen für unser Land, für alle Menschen, die hier leben.

Lassen Sie uns einige der Probleme benennen.

Bildungspolitik: Der allgegenwärtige Lehrermangel ist in aller Munde und trotzdem werden nur zögerlich Lehrer eingestellt. Und wenn, dann gerne mit befristeten Stellen, so dass sie sich über den Sommer arbeitslos melden müssen. Ein Unding. Ebenso werden viele Schulen ihrer Aufgabe rein materiell nicht gerecht, es fehlt an Reparaturen, an Ausstattung, an Raum.

Gesundheitspolitik: Die Krankenkassen erwirtschaften Überschüsse und geben eher nichts an die Versicherten weiter oder zurück. Weder in Erstattungen noch indem sie vordem ausgenommene Leistungen wieder anbieten. Das Budget der Hausärzte reicht selten, um allen Patienten die nötige Versorgung anzubieten.

Pflege: Hier bedarf es einer gründlichen Generalüberholung, Flickwerk an den offensichtlichsten Stellen reicht nicht aus. Dies reicht von Themen wie Pflegegeld, der Anerkennung und Bezahlung der Pflegekräfte, bis hin zur privatwirtschaftlichen Gewinnmaximierung im Pflegebereich (Krankenhäuser, Seniorenheime), die immer auf Kosten der zu Pflegenden geht.

Arbeitsmarkt: Hier wäre zunächst der Mindestlohn zu nennen. Es ist ein guter Ansatz, dass der Mindestlohn endlich eingeführt wurde. Jedoch bedarf es stärkerer Kontrollen, damit dieser auch eingehalten wird. Des weiteren ist die Höhe nicht ausreichend, um mit einer vollen Stelle ausreichend für die Rente vorzusorgen. Steigende Altersarmut ist die Folge. Der Mindestlohn muss die Höhe der Sozialabgaben berücksichtigen. Stichworte wie Leiharbeit und Befristung von Arbeitsstellen fallen uns als weitere Aspekte ein. Beides wird gerne gegen Arbeitnehmer verwendet und trägt nicht dazu bei, dass Menschen mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Immer weniger Arbeitsstellen sind tarifgebunden, was zur Verunsicherung beiträgt. Löhne und Gehälter zwischen Ost und West müssen endlich ein gemeinsames Niveau erreichen.

Soziale Absicherung: Im Vordergrund steht hier Hartz IV, dessen Höhe nicht ausreicht, um Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Sehr oft reicht es nicht einmal, um sich einen Monat mit dem Nötigsten zu versorgen. Ebenso verhält es sich mit dem Wohngeld, für viele Gegenden reicht es nicht aus, um Menschen eine angemessene Wohnsituation zu ermöglichen, da die Mietpreise zu schnell steigen. Menschen ab Mitte 40 haben Angst, dass sie alles verlieren, sollten sie arbeitslos werden und nicht sehr zügig wieder eine neue Arbeitsstelle finden.

Renten: Siehe oben, die Löhne müssen so sein, dass der arbeitende Mensch genug vorsorgen kann, um im Alter nicht in Armut zu fallen. Altersarmut ist vermeidbar, wenn die Systeme mit Weitsicht angepasst werden.

Migrationspolitk: Die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitk muss wieder schlagwortfrei werden und pragmatisch für die Menschen arbeiten, die zu uns kommen. Wie Einwanderungspolitk in Deutschland funktioniert, muss besser erklärt werden. Asylpolitik braucht eine deutliche Straffung und mehr Personal, so dass betroffene Menschen nicht monatelang oder länger im Nichts hängen bleiben. Geflüchteten Menschen muss so schnell wie möglich eine Perspektive geboten werden, sobald ihr Antrag positiv beschieden ist, hierzu zählen auch Duldungen. Sprachkurse, Lernen über unser Land, Ausbildung und Bildung, Arbeitsplätze sind nur ein paar Stichworte, die für gelingende Integration grundlegend sind.

Dies sind einige Punkte, die wir gesammelt haben und bei denen wir uns absolut sicher sind, dass Deutschland ihre Umsetzung schaffen kann, und zwar gemeinsam mit allen, die in Deutschland leben. Sobald die Menschen sehen, dass Politik kein Selbstbedienungsladen ist und den Menschen mehr dient als der Profilierung der Partei oder der eigenen Person, hätten sie eine sehr große Sorge weniger. Das Phänomen der „besorgten Bürger“ hätte sich überlebt.

Nur gemeinsam kommen wir weiter. In Deutschland und in Europa.

Mit freundlichem Gruß

im Namen der deutschen Rückwanderer aus Großbritannien

Michaela Aumüller

Alexandra Gannon (Im UK seit 2005. Ende 2018 zurück Deutschland mit britischer Familie)

Stephen Corsham (Brite und Einwanderer)

Harry Ziegler (seit 28 Jahren im Vereinigten Königreich)

Sylke Krämer (15 Jahre Großbritannien, seit Juli 2018 wieder in Deutschland)

Dagmar Drews-Hilton

Marty Engels Dunmore

Maria Kökenhoff (nach 23 Jahren im UK nach Deutschland zurückgekehrt)

Bianca Hiller (noch in Großbritannien)

Dr Nils Kösters (20 Jahre in Grossbritannien)

Susanne Doughty

Anna Kimmerle

Gabi Tait

Nadia Bahrani (noch in Großbritannien)

Brigitte Kehrwisch

Claudia Lowe (nach 26 Jahren Schottland, im Oktober 2018 nach Deutschland zurück)

Kim Davies mit Tessa (3,5 Jahre alt), (5.5 Jahren in England im Juni 2017 nach Deutschland zurück)

George Davies (Brite, folgt Frau und Kind nach Deutschland)

Stefanie Mitchell

Anneke Stockhausen (seit 2002 in GB, Kinder und Stiefkinder dürften das Land nicht verlassen)

Gabi Breithaupt

Heike Behle

Susanna Leissle

Rosie Johnson

Natasha Tauber

Uschi Mitchell-Schrage

Monika Theisen

Christina Wilma

Claudia Zeiske (23 Jahre in Großbritannien)

Péa Eigler (nach 25 Jahren in Großbritannien wieder in Deutschland)

Ralf Zeigermann (zurückgekehrt nach 24 Jahren in Großbritannien)

Sylvia Thier (nach 16 Jahren in Großbritannien zurück in Deutschland)

Tim Strahlendorf (zurück nach 12 Jahren, nachdem der Aufenthaltstitel verweigert wurde)

Nina Andrea Roberts

Florian Herzberg

Antje O’Hara

C. Doerfel Hill (noch in GB, weil die britische Familie bleiben wollen. Mit Tam, Anna Lora (11) und Mina (8))

Wiebke Rüterjans (seit 17 Jahren in Liverpool, in Vorbereitung auf den Sprung nach Hause mit kanadischem Ehemann)

Daniel Wunsch (nach 13 Jahren wieder zurück nach Deutschland)

Nicole Appleton (21 Jahre in England. Seit 3 Monaten wieder in Deutschland.)

Claudia Fabian ( 15 Jahre England. Seit diesem Sommer wieder in Deutschland. Die Kinder bleiben an englischen Unis.)

Heidrun Atherton (seit 40 Jahren in England, denkt daran zurückzukehren nach Brexit)

Carolin Copplin (10 Jahre in England)

Ute Wietfeld (30 Jahre in UK, Mann Brite, Sohn doppelte Staatsbürgerschaft, wünscht sich zurückzugehen)

Annette Grams-Byrne (nach 23 Jahren in GB nun wieder zurück in Deutschland)

Britta Sefton (in GB seit 2006, wird 2019 zurückkehren)

Silke Zahir (26 Jahre in GB)

Sabine Oppenlander

Erika Wengenroth & David Higgins (zurück nach 30 Jahren GB)

Sandra Ritchie (in GB seit 1991, Rückkehr geplant mit schottischem Mann)

Frank Hartwig

Katja Jacoby (UK 2010-2018)

Petra Dorn

Peter Schmitt (seit 6 Wochen zurück in Deutschland - nach 26 Jahren in GB)

Anneberth Lux (Zurück in Deutschland seit Juli 2018 - nach 25 Jahren in GB)

Karin Kremer (denkt schweren Herzens an eine Rückkehr nach 19 Jahren in Schottland)

Stephanie Temme

Anna Regeniter (24 Jahre in England)

Frank Endrullat (12 Jahre in Großbritannien, seit Juli 2018 wieder in Deutschland aufgrund der Veränderungen in GB)

Dr. Sabine Arndt (nach 7 Jahren UK wieder auf dem Weg nach Deutschland)

Susanne Palzer (19 Jahre UK, wahrscheinlich zurück nach DE, wenn wir durch Settled Status unsere Rechte verlieren)

Andra Hickisch (zwischen 1976 und 2017 30 Jahre in England und Schottland. Seit Dez 2017 mit engl. Mann und 12 jährigem Sohn wieder in Deutschland)

Beate Diedrich (kommt im Febr. 2019 zurück nach NRW mit 2 erwachsenen Kindern)

Simone Jimena Rudolphi (29 Jahre in England, 3 Deutsch/Britische erwachsene Toechter, freiberufliche Fotografin (braucht Freizuegigkeit))

Rosie Johnson (39 Jahre GB. Mann Brite)

Monique Sorgel (20 Jahre GB)

Karin Staub-Leigh (38 Jahre in GB, bleibt noch, da die Familie britisch ist)

Alexandra Kamann (nach 16 Jahren GB seit Sept. 2017 wieder in Deutschland)

Gerlinda Rehberg (seit 1980 in GB, engl.Familie inkl. 3 Enkel, daher noch in GB)

Monika Carpenter (nach 33 Jahren GB mit britischer Familie im Nov.2017 zurück)

Nina Malhorta Majithia

Anke Holst, 16 Jahre GB, Mai 2017 mit behindertem Kind zurück nach Deutschland

Martina Wolter (11 Jahre in Wales, Rückkehr geplant nach Brexit)


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